Donnerstag, 2. Dezember 2010

Mit umgekehrten Vorzeichen


Bald ist es soweit: ich habe 3-jähriges Nichtraucherjubiläum. Und weil ich mich so darüber freue und mein missionarischer Eifer kaum Grenzen kennt, stelle ich hier mal einen etwas anderen Text ein, der vielleicht bewirkt, den einen oder die andere zum Nachdenken zu bewegen:)


MIT UMGEKEHRTEM VORZEICHEN


Jahrelang habe ich versucht, mit dem Rauchen wieder anzufangen. Beim ersten Mal war das noch ganz einfach und in meinem jugendlichen Leichtsinn nahm ich es wie selbstverständlich hin. Ein paar Tage hatte ich nicht rauchen können wegen einer Bronchitis aber kaum war der Husten etwas besser geworden, schon kramte ich meinen guten alten Halbschwarzen mit der eingelegten Orangenschale wieder aus der Ecke und drehte mir die erste Zigarette der Woche. Sicher, mir wurde etwas schwindlig und einen Hustenanfall bekam ich auch, aber solch kleine Unannehmlichkeiten machten mir damals noch nichts aus. Bis zum Abend war ich längst wieder ins vertraut Verrauchte eingewöhnt und hätte die Angelegenheit sicher bald vergessen, wenn mich nicht Jahre später ein handfester Gesundheitswahn ergriffen hätte. Dieser damals epidemisch sich ausbreitende „Ich ernähre mich von jetzt an vegetarisch und meditiere jeden Tag“ Virus, dessen Ausläufer bis heute durch die Volkshochschulen schwappen.


Eine Woche Heilfasten und ich war die Zigaretten los. Hätte mir damals jemand gesagt wie schwierig es von nun an sein würde, mit dem Rauchen wieder anzufangen, ich hätte herzhaft gelacht. Leichten Herzens rauchte ich einfach ein paar Monate nicht und war zufrieden damit. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich kaum noch aus dem Haus ging. Abends in die Disco? Zu verraucht. Mit Freundinnen essen gehen? Zu verraucht. Am Sonntagmorgen ausgiebig frühstücken im Cafe um die Ecke? Ich erspare mir die Antwort. Wo war die alternativ rustikale Gemütlichkeit geblieben, das Sitzen in renovierungsbedürftigen Wohngemeinschaftsküchen bis morgens um drei, nicht zu vergessen die engagiert rauchenden Köpfe beim Planen der Weltrevolution? Unversehens war ich eine von diesen spießigen Nichtraucherinnen geworden, vor denen mich meine studentische Clique schon immer gewarnt hatte.


Die erste Zigarette war fürchterlich. Von Gemütlichkeit keine Spur, es stank bestialisch und übel wurde mir auch. Mir wurde klar, dass ich diese Prozedur nunmehr mindestens 20 Mal am Tag durchstehen musste, wenn ich wieder eine richtige Raucherin werden wollte Da kam mir eine wichtige Prüfung zur Hilfe, die ich unbedingt bestehen musste. Ich riss mich also zusammen und rauchte tapfer weiter. Zuerst schaffte ich nicht mehr als höchstens zwei, drei Zigaretten am Tag aber nach einer Weile hatte ich meine frühere Stückzahl wieder erreicht. Na wunderbar und herzlichen Glückwunsch - von wegen! Jetzt gingen die Probleme erst richtig los. Die Prüfung war zwar bestanden, ich konnte in verrauchten Wohngemeinschaftsküchen ; ob renoviert oder unrenoviert - sitzen, solange ich wollte und sonntags ging es ins Cafe zum exklusiven Frühstück mit allen Extras ; die Sache mit der Weltrevolution lasse ich vorläufig mal beiseite.


Das Problem war: Ich vermisste das Nichtrauchen. Nach durchgerauchten Küchen- und sonstigen Nächten wachte ich auf und mein Kopf fühlte sich an wie ein überquellender Aschenbecher, der schon seit Stunden dringend geleert und danach gründlich hätte ausgewaschen werden müssen. Ich sehnte mich nach frischer Luft, nach täglichen Spaziergängen, nach meinen wiedererwachten Geschmacksnerven. Irgendwann gab ich das Rauchen schweren Herzens wieder auf. Wenige Wochen später war alles wie gehabt. Keine Discobesuche, keine durchgerauchten Nächte, keine Gemütlichkeit. Dafür reichlich Möhren, frische Obstsäfte und auf Dauer doch recht ereignislose Spaziergänge.


Um es kurz zu machen: Ich fing wieder an zu rauchen. Dieses Mal ging es auch schon etwas leichter, schließlich hatte ich langsam Übung. Hätte ich damit nicht zufrieden sein können? Wie viele Menschen rauchen ihr Leben lang ohne auch nur einen Gedanken ans Aufhören zu verschwenden? Wie viele Menschen fangen nach einigen Wochen, Monaten oder gar Jahren wieder mit dem Rauchen an und halten das dann problemlos durch bis an ihr Lebensende? Unzählige! Nur ich nörgelte herum wegen Kopfschmerzen und verrauchter Luft, schimpfte über die jährliche Tabaksteuererhöhung, als käme sie überraschend. Bei schlimmster Eiseskälte riss ich die Fenster auf und als auch das nicht mehr half ging ich sogar dazu über, mich aus meiner eigenen Wohnung auszusperren. Mindestens einmal stündlich und das bei jedem Wetter trat ich mein Schicksal verfluchend auf den nicht überdachten Balkon und führte mir hastig die nötige Nikotindosis zu. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich das Rauchen wieder aufgeben würde.


Dies alles begann vor etwa 15 Jahren. Seitdem besteht mein Leben aus mehr oder weniger vergeblichen Versuchen, das Rauchen wieder anzufangen. Mal halte ich nur ein paar Tage durch, mal ein paar Wochen, einmal sogar über mehrere Monate. Tapfer rede ich mir ein, wie angenehm das Rauchen doch ist, wie genussreich, wie kommunikativ und entspannend. Die Kopfschmerzen am morgen bekämpfe ich mit Aspirin, den morgendlichen Husten mit einer Zigarette und die Angst vor Krebs mit konsequentem Wegschauen. Und außerdem: Hört man nicht immer wieder von jenen legendären 90-jährigen, die fröhlich und bis ans Ende ihrer Tage an ihren Zigaretten, Pfeifen und Zigarren genuckelt haben? Niemand hat diese beneidenswerten Menschen je persönlich gekannt, aber in Raucherkreisen wird trotzdem oft und gerne von ihnen gesprochen. In meiner Verzweiflung trug ich mich schon ernsthaft mit dem Gedanken, eine Selbsthilfegruppe zu gründen für Menschen, die dauerhaft und erfolgreich wieder mit dem Rauchen anfangen wollen. Leider gelang es mir trotz intensiver Bemühungen und mehreren Kleinanzeigen in einschlägigen Zeitschriften nicht, Mitstreiterinnen und Mitstreiter für meine gute Sache zu finden. Hier fehlt den zahlreichen Betroffenen einfach noch das Problembewusstsein.


Ich habe es aufgegeben. Schon seit Monaten lebe ich jetzt ohne Zigaretten, die Nachteile des Nichtrauchens stehen mir bereits wieder klar vor Augen, aber ich habe aufgegeben. Ich habe einfach keine Lust mehr auf Zigaretten. Am Ende höre ich ja doch immer wieder auf. Dann kann ich es auch gleich ganz bleiben lassen. Das Seltsame ist: Dieses Mal vermisse ich nichts.



(CarolaB in Peter Lindinger: "Lust und Last des Rauchens". Fischer Tb. Ffm. 2004. ISBN 3-596-16240-8)

2 Kommentare:

herself hat gesagt…

ich gratuliere dir zu deinem nichtrauchejubiläum! :) echt toll dass du aufgehört hast.
und toller text übrigens.

danke! :)
die situation mit dem bus finde ich total witzig. war ich aber nicht :P

ich habe schon oft über altersunterschiede usw nachgedacht, und irgendwie bin ich fester überzeung dass der mensch sich nur äußerlich verändert. ich meine, wenn wir uns mal überlegen wie wir früher waren - angenommen vor einem jahr, oder gar vor 10 jahren - "ich" ist und bleibt immer "ich". ich weiß leider nicht wie ich das erklären soll. mies. ich kann nicht mal meine gedanken in worte fassen.

jedenfalls habe ich mich über dein kommentar sehr gefreut. :)

liebe grüße

Pepper hat gesagt…

Cool, ich mich über deinen auch.

Sehr sogar - und das nicht nur weil ich einen ziemlich beschissenen Tag hinter mir habe und ein paar nette Worte richtig gut gebrauchen konnte!