Und wie kam es zu dieser Aufnahme? Wo fange ich da am besten an? Vielleicht da, wo ich letzte Woche aufgehört habe ;-)
Es hat sich noch am selben Abend herausgestellt, dass alles ein großes Missverständnis war. Die Trauerkarten sind an mich und meine Eltern verschickt worden aber offenbar nicht angekommen. Und wir sollen nicht die einzigen gewesen sein, die den Brief nicht erhalten haben. Weiß der Kuckuck, ob die Post das nun verschlampt hat oder man sich rausreden wollte. Am Ende bleibt sowieso nur die Trauer, dass ein Mensch gestorben ist, den man gern hatte, sehr gern sogar. Und der nun nie wieder da sein wird.
Trotz der ganzen Querelen wollte ich unbedingt bei L. und seiner Mutter mein Mitgefühl, meine Trauer zum Ausdruck bringen und habe beiden einen langen Brief geschrieben. Am nächsten Tag Mittags ruft L. bei mir im Büro an und bedankt sich sehr herzlich dafür. Eine halbe Stunde hat das Gespräch gedauert und es war wieder mal seltsam, wie schnell wir beide den Schalter von kalter Distanz zu inniger Vertrautheit umlegen können. Es ging bei dem Gespräch ausschließlich um seinen Vater und die Umstände seines Todes. Zum Schluss erzählte er noch, dass er unterwegs nach Sylt ist für ein paar Tage. Allein - um zur Ruhe zu finden. Dennoch hatte er ein Doppelzimmer gebucht, aus Versehen oder Gewohnheit, er wusste es selber nicht.
Ich gebs zu: es hat mir schon einen feinen Stich versetzt und die Eifersucht hat auch ein wenig in meinem Herzen gewühlt. Unverständlich, unvernünftig, unberechenbar.
Eine Stunde später (im für ihn üblichen Verfahren) eine Aussage per SMS die schwebend in der Luft hängt: "Schon komisch. Allein ohne dich fahren. 2 Tage. Hm. All in. Kein Stress. Nur Seele. Wir kennen uns. Einfach so. Schlimmer Gedanke?"
Ich denk und schreib dann zurück: " Was genau meinst du damit? (und weiß im Grunde genau was er damit meint) Bist du schon da? Ich wärs auch gern"
Und er feuert zurück: "Setz dich in den nächsten Zug. Für dich alles kostenfrei bis auf die Bahnfahrt"
Kommandoton wie gewohnt und dennoch kann ich dem Prickeln und der Lust auf ein kleines Abenteuer nicht widerstehen. Die Zugfahrt ist schnell gebucht. 2 Stunden bleiben mir für die Fahrt vom Büro nach Hause, zum Kofferpacken, die Fahrt zum Bahnhof. Es bleibt keine Zeit um kalte Füße zu kriegen. Die werden später allmählich kalt als ich dem Zielort Westerland immer näher komme.
Verdammt, was mache ich hier eigentlich. Bin ich denn total durchgedreht? So viele Bedenken schießen mir durch den Kopf, aber ein wenig ist da auch Vorfreude auf den kleinen Urlaub und die gemeinsamen Tage. Ich beschließe, mich in Zurückhaltung zu üben, als Freund für ihn da zu sein, ihm zu helfen in den ersten Stunden der Trauerbewältigung.
Als ich nach endlosen fünfeinhalb Stunden aus dem Zug steige, sehe ich ihn am Ende des Gleises stehen und weiß sofort, dass das nur ein frommer Kinderwunsch war, der mit der Zurückhaltung!
Die Begrüßung ist vertraut aber etwas holperig, genauso wie die nächsten 2 Stunden, in denen wir bei einer Flasche Wein zusammen sitzen und er mir von den letzten Wochen erzählt. Ab und zu stockt er, denn dann wird die Erinnerung an bestimmte Situationen und Gefühle so übermächtig, dass er nicht weitersprechen kann. Er weint still einige Momente, dann beruhigt er sich und erzählt mehr. Viel habe ich nicht zu tun, aber das wenige ist manchmal sehr schwer. Es tut mir sehr weh ihn so kummervoll zu erleben ohne etwas wirklich tröstendes für ihn tun zu können.
Die nächsten beiden Tage sind schön aber irgendwie bizarr. Von 0.00 Uhr bis Mitternacht benehmen wir uns wie ein Paar, sind aber keins. Mindestens 95 hochexplosive Themen werden geschmeidig umrundet, meistens jedenfalls. Denn trotz aller guten Vorsätze konnte ich meine enttäuschten Gefühle. meine Verletzungen und die leise Bitterkeit nicht im Gepäcknetz der Nordostseebahn lassen. Die Worte kommen unaufhaltsam über meine Lippen. Und bewirken - like always - rein gar nichts. Er wiegelt ab, will nichts wahrhaben, wissen. Manchmal verbietet er mir sogar den Mund und ich lasse es mir in diesen besonderen Tagen gefallen. Genauso wie ich die kleinen, fast unauffälligen Verächtlichkeiten und Abwertungen nur zur Kenntnis nehme. Und denke dabei immer öfter: Es geht nicht mit uns, es geht noch nicht mal, wenn ich mich ganz klein mache, wenn ich all meine Gedanken, Wünsche, Bedürfnisse nach hinten stelle in die Dunkelkammer. Er wird dadurch nicht netter und mir schnürt es die Luft zum Atmen ab. Die Dunkelkammerverbannten bahnen sich hustend und fluchend den Weg ans Sonnenlicht.
Dazwischen aber auch kleine Momente des Friedens, des Verstehens, der Zärtlichkeit und Lust. Das geht. Sehr gut sogar. Aber das kurze weiche Gefühl (fast wie Liebe) bleibt nicht lange. Schnell ist wieder die Fassade da und die Burg wird ständig auf eindringende Feinde abgesucht.
Ich lerne in diesen Stunden nochmal viel über ihn und seine Art zu leben und resümiere erneut, dass ich mir ein weiteres Zusammenleben nicht mehr vorstellen kann. Aber ich erkenne auch, dass ich eine Trennung dieser Art noch nie zuvor erlebt habe. Bisher war am Ende einer Beziehung kein Wohlwollen geschweige denn Liebe und Vertrauen vorhanden. Am Schluss gab es bei mir immer nur tabula rasa, und ein großes tösendes Gedonner in dem alles unterging, was zuvor vorhanden war. Damit kam ich besser klar, denn meine Wut und die Aggression verliehen mir ungeheure Kräfte für den Neuanfang. Das ist nun anders. Es kommt mir diesmal ähnlich vor wie die bekannten Stufen bei Tod und Trauer:
Verleugnung
Wut
Verhandeln
Depression
Akzeptanz
Und die letzte Stufe ist noch nicht erreicht! Wenn ich es richtig deute, eier ich noch immer bei der Verhandlung herum *seufz*
Den Rückweg von der Insel haben wir dann gemeinsam angetreten. Eine ruhige, friedliche Fahrt an deren Ende wir uns freundschaftlich verabschiedet haben. Keiner von uns sprach darüber, ob "es" weitergeht mit uns, wann wir uns möglicherweise wiedersehen oder zumindest telefonieren. Alles hängt lose in der Luft und wird vermutlich bald schon nicht mehr existieren.
Einen Tag danach habe ich ihm noch eine Nachricht geschrieben, weil ich wusste, es gab an diesem Tag noch einen besonderen Gottesdienst und ich hatte ihn gebeten, in meinem Namen eine Kerze für seinen Vater anzuzünden. Darauf habe ich keine Antwort mehr erhalten.
Vielleicht ist er mir in dem Stufenprogramm (siehe oben) ja um einiges voraus, wer weiß.
1 Kommentar:
Berührender Text! Und so ein kleines Abenteuer find ich immer prickelnd ;)
Vielleicht gehört das auch zum erwachsen-werden: ein ruhigerer Abschied, ein ruhiges loslassen können ?!
Vielleicht war es nochmal wichtig, diese Stunden gemeinsam zu verbringen...
ach...ich wünsch Dir einfach eine gute Zeit!!!!!!! ;-)
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