Der Rest vom Tag ist angenehm. Wir streifen durch die Stadt, trinken einen vorzüglichen Kaffee, genießen die warmen Sonnenstrahlen und lassen uns langsam auf das Urlaubsfeeling ein. Es macht nichts, dass das Abendessen im Hotel fad und eintönig schmeckt, denn dafür sind die Kellner erfrischend gut gelaunt und der spanische Landwein vorzüglich.
Nun, da die Anspannung allmählich nachlässt, könnte ich doch langsam anfangen, die Nähe herzustellen, die es uns ermöglicht, ein offenes Gespräch zu führen. aber es geht nicht. Eine Mauer ist zwischen uns, die grade mal ein alltägliches Geplänkel zulässt und ich finde den Zugang nicht zu ihr. Ein paarmal ignoriere ich das imaginäre Stoppschild, doch nachdem sie immer verschlossener wird, gebe ich auf und hoffe auf eine bessere Gelegenheit.
Die, das kann ich gleich vorwegschicken, sich während der ganzen Urlaubstage nicht einstellen wird. Wir rücken innerlich immer mehr auseinander und das tut mir weh aber es lässt sich nicht ändern. Vielleicht ist das auch etwas, dass ich akzeptieren muss. Ich bin nicht ihre beste Freundin und engste Vertraute, ich bin ihre Mutter, dir ihr erste Hilfe in der allergrößten Not geben kann, sie dann aber wieder in ihr eigenes Leben entlässt. Das ist ja auch richtig und von mir gewollt, dass sie ihr Leben eigenverantwortlich meistert und nicht beim kleinsten Windhauch bei Mama Zuflucht sucht und ihr die Lösung der Probleme überlässt. Trotzdem ist es nicht so leicht sich herauszuhalten, wenn offensichtlich ist, dass sie einen großen Fehler macht.
Andererseits ist es auch anmaßend anzunehmen, dass ich immer wüsste, was für sie das "Richtige" ist. Wer kann schon sagen, ob ein vermeintlicher Fehler sich im nachhinein nicht als überaus wichtig für die Entwicklung herausstellt.
Und ein anderer Aspekt fällt mir dabei auch noch ein. Ich sollte mich verdammt nochmal lieber um mich selbst kümmern, anstatt mich in das Leben meiner Tochter zu vertiefen! Damit habe ich genug zu tun. Und vielleicht ist damit auf lange Sicht ein anderer, möglicherweise wertvollerer Kontakt zu ihr möglich. Ändere ich also meine Haltung und signalisiere ihr, dass ich Vertrauen in sie habe, mit ihren Problemen selbst klar zu kommen.
Wir sind faul in diesen paar Urlaubstagen. Außer einem halben Tagesmarsch zum Yachthafen und den täglichen Spaziergängen in die Stadt zu der kleinen Espressobar liegen wir meist schweigend und lesend am Pool und nehmen soviel wärmende Sonne auf wie es geht, denn in Deutschland erwartet uns wieder kaltes, regnerisches Wetter. Am Abreisetag werden wir zu nachtschlafender Zeit abgeholt und ich krieg schlechte Laune wegen der Unnötigkeit. Anderthalb Stunden müssen wir am Flughafen herumlungern, bevor der Schalter öffnet. Danach aber geht alles glatt. Das Klima in Deutschland ist wie unsere Beziehung, unterkühlt, wolkenverhangen mit verhaltener Prognose für die nächstenTage.
Bei mir Zuhause verzieht sie sich alsbald zu einem langen Telefonat auf den eisigen Balkon zurück und ich kann mich nicht beherrschen als sie beinah blaugefroren wieder ins Wohnzimmer kommt, zu bemerken, ob sie sich wieder versöhnt hat. Als der Satz raus ist, bereue ich ihn sogleich aber nun lässt er sich nicht mehr zurüch nehmen. Sie mustert mich gelassen aber kühl und erwidert, dass davon keine Rede sein könne, es aber wichtige Dinge zu besprechen gegeben hätte. Herrgott, wenn sie nur eine Winzigkeit dieser Haltung, die sie mir gegenüber einnimmt, auch ihm zeigen könnte! Von ihm lässt sie sich herumschubsen, kleinmachen, verunsichern. Hält krampfhaft an der nicht vorhandenen Hoffnung fest, er (und es ) werden sich vielleicht doch noch ändern und Happyending und so....
Es gibt Momente, da sage ich mir, dass ich nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung bin, denn hat sie nicht teilweise hautnah mitbekommen, wie ich meine Beziehungsprobleme gelöst (oder auch nicht) habe? Ein gutes Vorbild für Frausein und gutes Beziehungsleben sieht da bestimmt anders aus. Das ist die Krux an dem Tochter-Mutter-Ding: beide geben sich einen überaus scharfen, unbestechlichen Spiegel. Und das, was man darin erblickt, ist nicht immer angenehm.

2 Kommentare:
Du hast eine tolle Klarheit in deinem Empfinden und eine gute Einstellung.
LG morgenrot
Ich nehme das mal als Kompliment und danke dir dafür. Ich freue mich darüber, auch wenn ich das oft ganz anders empfinde. Das kannst du mir glauben.
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