Donnerstag, 28. Juni 2012

Abschied




Die Reise war anstrengend, was weniger an meinem Beförderungsmittel als an der durchzechten Nacht davor lag. Puh, ich hing ganz schön in den Seilen. Und meine (nur flüchtig durchdachte) Vorstellung, ich könnte ein paar Stunden im Zug dösen, stellte sich bald als Blödsinn heraus. Wie kann man auch sanft entschlummern und sich dem eintönigen Zugrhythmus hingeben, wenn
a) alle 2-3 Stunden ein Zugwechsel angesagt ist und
b) jede 5 Minuten die quäkenden Durchsagen der Bahnbegleiter ins Trommelfell stechen. Ätzend, sich diesen Bockmist auch noch in mindestens 2 Sprachen anhören zu müssen. Und wenn ihr glaubt, das gibt´s nur bei der Deutschen Bahn, so irrt ihr gewaltig, die Belgier, Franzosen und Engländer halten da durchaus mit. Leider!
Auch an die Tunneldurchquerung bin ich sehr naiv herangegangen. Ich hab tatsächlich angenommen, ich steige in Brüssel (um die Bahnhofsgegend herum übrigens eine irre dreckige Stadt) in den Eurostar wie ich üblicherweise auch in good old germany das Gleis/den Zug wechsele. Aber die Prozedur ähnelt dem Einchecken am Flughafen, mit Durchleuchten, Sicherheitscheck und xmal die Tickets und den Ausweis vorzeigen. Das fand ich nervig, hatte aber bei dem Gedanken an eine Bombenexplosion im Tunnel, ein Einsehen. Wer will schon 100 Meter unter dem Meeresspiegel in die Luft fliegen ;-)
GsD hatte ich wegen des ellenlangen Aufenthaltes in Brüssel noch die Gelegenheit, ein paar Euros zu tauschen, für den 20 Euroschein bekam ich 13 engl. Pfund. Viel Geld, wenn man bedenkt, dass ich das lediglich für 2 läppische U-Bahnfahrten und einen kleinen Snack/ein Getränk brauchen würde. Dennoch habe ich alles genau dafür verbraten, bis auf den letzten pence. U-Bahnfahren ist wahnsinnig teuer in London, für 5 Stationen musste ich 4, 30 Pfund berappen, dasselbe nochmal auf der Rückfahrt, der Rest ist dann für ein pappiges Sandwich draufgegangen. Ein Getränk zum Herunterspülen des Pappbreis lag nicht mehr drin.

Was mich aber echt begeistert hat (klar, soviel deutsch muss sein ;-), ich bin auf die Sekunde genau nach 11 Stunden an meinem Zielort angekommen. Leider war niemand da um mich abzuholen, aber das war nicht so schlimm, denn so konnte ich mir die Wartezeit zwischen der versandten sms und der Ankunft meiner Cousine, mit 2 dringend benötigten Zigaretten vertreiben :))

Als ich schließlich bei meiner Tante ankam, war mir trotz der leichten Erschöpfung sofort klar, dass ich die ganzen Jahre nicht ihretwegen nach England gefahren bin. Ich hatte wirklich nicht erwartet, dass man die Abwesenheit des candyman so deutlich spüren würde. Wie still es war in diesem Haus, abgesehen von dem nicht enden wollenden Redefluss meiner Tante.

81 ist sie in diesem Jahr geworden, geistig schon leicht durcheinander geschüttelt, weder der englischen noch der deutschen Sprache richtig mächtig, überspringt sie in einem Halbsatz 60 Jahre und du hast Schwierigkeiten, die Orientierung zu behalten. Sie hat diese Gelegenheit der seltenen Anwesenheit eines Gastes schamlos ausgenutzt und mich ohne Gnade zugeschwallt. Da ja eh keine Antwort erwartet wurde, lehnte ich mich langsam zurück und ließ nochmal alle Erinnerungen, die ich an meinen Onkel gehabt habe vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen. Darüber bin ich dann wohl eingeschlafen, kein Wunder bei dem Schlafmangel, der langen Zugfahrt und dem ermüdenden Gesabbel meiner Tante.

Ich zog mich also zurück ins Gästezimmer und dachte, ich könnte noch eben schnell mein technisches Equipment aufladen, als es mir wieder einfiel. Die Engländer fahren nicht nur links, sie haben auch seltsame Steckdosen und Frau Pepper hatte in einem Anfall von geistiger Umnachtung den fakking Adapter zu Hause vergessen. Aber das ließ sich nun nicht ändern.

Am nächsten Morgen versammelte sich die Familie im Haus meiner Tante. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Die Gebräuche einer Beerdigung in Deutschland sind mir geläufig, aber wie das in England sein würde, davon hatte ich überhaupt keine Ahnung. Nach einer Weile klingelte es an der Tür, die Leute vom Beerdigungsinstitut baten uns zu folgen. Es standen 2 große, glänzend schwarze Limousinen vor dem Haus. In der ersten befand sich der blumengeschmückte Sarg, gefolgt von der zweiten, die für uns alle vorgesehen war. Wir stiegen also ein und fuhren sehr langsam hinter der ersten hinterher. Anfangs fand ich es etwas befremdlich, aber dann hielt ich es doch für eine gute Sache. Man ist beieinander und kann sich einstimmen auf die Trauerfeier.

Nach gut 20 Minuten kamen wir auf dem Friedhof an. Ein schöner, würdevoller Ort mit einer großzügig angelegten Parkanlage und einer hübschen aber schlichten Kapelle. Die Trauerrede hielt eine Predigerin und sie machte das hervorragend. Wir haben viel geweint, mussten aber zwischendurch immer mal wieder lachen, wenn sie von den Eigenarten und kleinen Verschrobenheiten meines Onkels sprach. Das war so schön und rund, ich fühlte mich innerlich ruhig und getröstet als der blaue Samtvorhang sich langsam schloß und wir endgültig Abschied nahmen. Danach standen wir noch eine Weile in einem kleinen Vorhof, in den auch der Blumenschmuck gebracht wurde. Jeder konnte sich  etwas davon nehmen, wenn er wollte. Ich habe mir eine rote Rose mitgenommen, die ich inzwischen gepresst habe. Mal sehen, vielleicht kommt sie zusammen mit einem Foto in einen Rahmen. In ein paar Wochen erhält meine Tante dann die Urne. Sie will sie in ihrem Garten unter dem großen Walnussbaum begraben.

Es war gegen 14 Uhr als ich wieder in ihrem Wóhnzimmer saß und ihre Verwirrtheiten auf mich einprasselten, stundenlang habe ich es stoisch ertragen, bis ich endlich ins Bett gehen konnte. Es ist furchtbar, wie sich manche Menschen im Alter verändern oder sollte ich bei ihr lieber sagen, verschlimmern, denn sie war noch nie einfach. Ein wenig fürchte ich mich davor, ähnlich abzudrehen im Alter, doch ich werde versuchen mit all meinen Möglichkeiten dagegen zu steuern. Hoffentlich ist das keine "it runs in the family" Sache, denn mein Alter, der ja ihr Bruder ist, hat einen ähnlichen Hau weg und wird auch von Tag zu Tag schlimmer (das ist eine weitere Geschichte, die ich in einem eigenen Post erzählen werde).

Die Rückfahrt war besser als die Hinfahrt. Jetzt wusste ich ja schon, wie alles abläuft und zudem gab es viele Stunden in denen ich in Ruhe über alles nachdenken konnte. Noch in England, als ich zufällig aus dem Fenster schaute und eine kleine Herde Schafe auf einem fett grasgrünen Hügel entdeckte, flossen nochmal Tränen. Zu sehr erinnerte mich das an ihn und was ich alles mit ihm erlebte. Aber ich bin froh, dass ich diese vielen schönen Momente mit ihm hatte. Wer weiß, was geworden wäre, wenn ich ihn nicht gehabt hätte als Vorbild, wie ein Mann, ein Vater auch sein kann....

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